heck_2014-05-freigestellt

Es ist ein verrücktes Ding mit dem Alter:

Denn egal, wie alt man dann tatsächlich wird,
das eigene Fühlen bleibt dahinter weit zurück.
Im Kopf bleib‘ ich, der ich war, auf ewig dann jung,
Bäume ausreißend, revoltierend, brennend und wunderbar dumm.
Im Außen die Blicke, sie werden vor Geringschätzung starr,
sagen mit jedem Blick, beinah mitleidig, „ja sei doch kein Narr“.
Was wissen die schon, wie sollt‘ ich vernünftig geraten,
wäre doch jeder Versuch zum Funktionieren wie mein Selbst zu verraten.

Und so stehe ich wieder auf,
auf all das „du musst“ geb‘ ich nichts drauf.
Renne mit wildem Lachen immer weiter.
Meine Seele bleibt entschlossen und heiter.
Und am Ende stellt mir das Leben wieder ein Bein,
ich falle hin, möcht‘ schreien, wild droh’n, werde innerlich ganz klein.
Krümme mich und spüre jetzt das Alter.
Liege nur da, das Schicksal als eiskalter Lebensgestalter.

Doch hey, yolo, auch das Stolpern und Fallen feier‘ ich,
Wie der Babo bin ich #swag und hab‘ nicht mal Gicht!
Mein Style ist so fett, mein Bart wie beim Einhorn sein Horn voll fab,
Mein Leben: Läuft bei mir! Brudi, was geht denn bei Dir so äb?
Verschiss’ner Volksmund: Man sei nur so alt, wie man sich fühle, sagt man.
Was ein bescheuerter Spruch, denn mein Körper fühlt sich schon alt an!
Doch weit schlimmer ist zu spüren, was ein Junger über mich denkt,
wenn er ungeduldig mit Gaspedal scharrend im GTI sponsored by Daddy hinter mir hängt.

Und so komme ich wieder langsam hoch,
finde all das Viele in mir, brenne immer noch.
Renne laut lachend schon wieder voran.
Blick‘ kaum um, vielleicht nur dann und wann.
Seh‘ den Stein dann zu spät am neuen Wege vor mir liegen,
bleib‘ dran hängen, strauchle, so knapp vorm ruhmreichen Siegen.
Möcht‘ schreien, strample am Boden, trommle mit Fäusten, heule, rotze.
Wem sollt‘ ich jetzt fluchen? Das Schicksal ist oft eine scheiß Fotze!

»Das Altern ist ein Massaker«, sagt der Messner mit einem Gesicht wie ein Berg.
Mag sein, aber in meinem Herzen bin ich geistig ein Riese und jung wie ein Zwerg.
Ich bin ständig am Suchen, nachspür’n, will Neuestes entdecken.
Kann nicht stehenbleiben, denn das wär‘ mir wie heut‘ schon verrecken.
Wenn ich es nach vielem Studier’n dann wieder mal besser weiß,
interessiert mich meine Meinung von gestern einen alten Scheiß.
Würde ich aufhören, mich immer wieder neu zu erfinden,
würde das Altern beginnen und das Leben verschwinden.

Und so rapple ich mich mühsam wieder auf,
überwinde den Schmerz des „schon wieder“, pfeif‘ drauf!
Renne entschuldigend lächelnd die nächste Abzweigung hinunter,
mich kriegt man nicht klein, dafür bin ich im Kopf viel zu munter.
Und doch bohrt es an mir, wie man stumm auf mich deutet.
So als ob das Nicht-Funktionieren auch Versagen bedeutet.
Wie sie mich belächeln und kopfschüttelnd dissen;
wartet nur ab, bald werdet Ihr weiße Fahnen hissen!

Zum ersten Mal bitter bewusst und schlagartig klar,
dass nun auch ich im Altern angekommen war,
wurde es mir schon vor über 10 Jahren bei meinem Friseur.
Noch den Strotz der Jugend an mir vermutend geschah das Malheur:
Die blutjunge Azubine musste mir die schon grauenden Haare waschen,
während ich mich dabei ertappte, durch den Spiegel von ihrem bezaubernden Antlitz zu naschen:
Ihr lieblich Gesicht das einer Puppe, die Haut wie aus japanischem Porzellan,
die Lippen kirschglühende Verheißung, die Augen so groß und schwarz wie im äußersten Wahn.
Und während sie mir zum Genusse wühlt in meinem sehnsuchtsvoll ergrauten Haar,
sagt sie ganz freudig und ohn‘ sich was zu denken: „Ihr Parfum riecht wie das von meinem Papa!“

Und so komme ich schon wieder stöhnend hoch,
halte mir ein wenig ungläubig den schmerzenden Kopf, doch
ohne aufgeben zu können renne ich schmunzelnd davon.
„Willst du nicht vernünftig werden, von was willst‘ leben, wovon?!“
Eine Melodie notorisch-träumend vor mich hin pfeiffend,
während um mich herum eine Meute keifend
auf mich zeigt, als sei ich der Antichrist des Unnormalen.
Dabei bin ich nur ein harmloser Kasper, habt Erbarmen!

Ich bin, zugegeben, schon etwas älter, doch noch ganz ohne zu stinken.
Bewege mich wie eine Zweizentner-Gazelle grazil, ganz ohne Hinken.
Als ich meinen ersten Slam Anfang der 90er live in Augsburg konnt‘ erleben,
waren viele der aktuellen Poetry Slam-Stars noch nicht geboren, noch nicht am Leben!
Ich weiß noch genau, wie ich selbst als gerade Volljähriger über die mit 40 dachte,
es geschah eigentlich nur aus reiner Höflichkeit, dass ich nicht über sie laut lachte.
In meinen Augen waren das alles alte, rückständige Säcke, Spießer und von gestern.
Jetzt bin ich weit gegangen und weiß, dass die heute Jungen nun über mich so lästern.

Und so rapple ich mich immer wieder auf,
was die anderen erwarten, ich kann’s nicht ändern, scheiß drauf!
Ohne jede Möglichkeit, irgendwann der zu werden, den die anderen erwarten,
renne ich lachend weiter, revoltiere wie ein dicker roter Zwerg im Garten!
Und immer wieder haut es mich auf die Fresse,
ist doch ganz egal, solange ich nicht vergesse,
dass es eben genau das ist, was mich zu mir macht.
Gebe ich das aus Angst irgendwann mal auf, dann gute Nacht!

Ich weigere mich einfach, in Kopf und Herze alt zu werden,
bleibe unbequem und am Rande, scheiß auf Massengeschmacksherden.
Helene Fischer bleibt für mich ’ne marmeladig-dröge Entertainment-Drohne,
und ich hab‘ keinen Bock, dass ich wie der Rest beim Fliegerlied mitjohle!
Ich steh‘ im ROXY beim Konzert von Samy Deluxe neben ganz Jungen,
fühl‘ lächelnd das Alter, weil die nur die Texte der aktuellen Songs mitsungen,
während ich auch den alten Scheiß auswendig rappe, ich Hip-Hop-Grauer,
noch mit 70 nick‘ ich mit dem Kopf wie’n Jude an der Klagemauer!

Und so kämpfe ich mich immer und immer und immer wieder nach oben,
mag auch passieren, was immer sie wollen, ich höre nie auf zu toben.
Wie ein Verrückter Hans-guck-in-die-Luft renn‘ ich voran,
nicht weil es Spaß macht, nicht um Euch zu ärgern, weil ich nicht anders kann!
Immer wieder werd‘ ich scheitern, mir ist das ganz klar.
Und immer wenn man gefallen ist, wird das Altern spürbar.
Dann schmerzen die Glieder, dann schmerzt meine Seele.
Doch mein Leben ist so wunderbar und immer wert, dass ich mich aufs Neue quäle.

Baby, eines Tages werden wir dann alt sein, eines Tages werden wir alt sein.
Mit 61 – #projekt2030 – wird es dann so weit sein:
Dann kommt mein künstlerischer Durchbruch mit Pauken und Trompeten,
dann reiße ich Mauern ein, male Action-Paintings und Informels in erstaunlichen Epic-Größen!
Setze Sinfonien in post-prae-romantischer Zwölfton-Aleatorik-Technik,
jandel die Lyrik und schreibe maxfrische Romane, das Feuilleton überschlägt sich in konstanter Hektik.
Im Alter von 115 zelebriere ich dann mit einem Paukenschlag meinen fulminanten Abgang,
nackt als menschliche Klöppel kopfüber zwischen Stahlplatten hin und her schlagend – protestierend gegen den Walfang!

Nie darfst du vergessen:
Sei immer du selbst. Außer du kannst ein Einhorn sein. Dann sei ein Einhorn.

(Poetry Slam Text von Ende Februar 2015. Vorgetragen beim ROXY Poetry Slam am 6. Juni 2015 und damit als Virgin Virgin ins Finale gelangt.)

 

Video vom Auftritt im ROXY.Ulm, 6. Juni 2015
(Aufgezeichnet und veröffentlicht vom ROXY.Ulm, danke!)

 

Live-Mitschnitt des Auftritts beim 3. Donauslam Neu-Ulm
(Aufgezeichnet und ausgestrahlt von Radio free FM, danke!)

 

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